Jede unsere Vorführungen beinhaltet einen Vortrag eines qualifizierten Referenten, der in das Werk einführt und auch Basis für die anschließende Diskussion ist. Falls der Vortrag schriftlich ausgearbeitet ist, sind wir bemüht, ihn hier zum Nachlesen anzubieten.

 


 

 

Der Plot: Lola liebt ihren Manni. Manni verdient seinen Unterhalt als Geldbote für einen Autoschieber. Doch leider geht bei einer wichtigen Übergabe etwas schief, da Manni aus der U-Bahn fliehen muss, Kontrolleur-Alarm, und dabei die Plastiktüte mit 100.000 DM im Abteil vergisst, über die sich dann ein Bettler erfreut. Jetzt ruft Manni bei Lola an, und braucht ihre Hilfe. 100.000 DM müssen her, und zwar in 20 Minuten. Lola denkt und rennt los, Manni zu Hilfe.

Am Ende bekommt dieses flippige Paar aus den Spätneunzigern eine neue Chance. Jene Lola, die so konditionsstark über die Straßen eilt, wird von der 24jährigen Franka Potente verkörpert. Diese Schauspielerin ist weder besonders attraktiv noch ungewöhnlich, aber ein Typ dieser Zeit und deshalb die ideale Rollenbesetzung. Glaubhaft mit Großstadtpower und Samtblick spielt der dicklippige Moritz Bleibtreu den Unglücksraben Manni. Dass er nicht nur äußerlich an den jungen Jean-Paul Belmondo erinnert, ist Strategie. Dass Lolas schrilles Kreischen Gläser zu Bruch gehen lässt, ist allerdings dreist aus "Die Blechtrommel" von Günter Grass geklaut.

Geschrieben und inszeniert worden ist dieser für deutsche Verhältnisse äußerst rasante, nur 81minütige Streifen von dem 33jährigen Tom Tykwer. Der gebürtige Wuppertaler beweist nach seinen vielversprechenden Talentproben "Die tödliche Maria" (1993) und "Winterschläfer" (1997) erneut mehr Mut hat als die anderen deutschen Filmemacher seiner Generation. Er ist auf der Suche nach eigener Handschrift, möchte neue Töne anschlagen und dafür auch etwas riskieren. Kurzum: Der vom Kino besessene Autodidakt Tykwer will endlich ein neues, aufregendes Kapitel im langweilig-biederen Betrieb der einheimischen Subventionsbranche aufschlagen.

 

 

Nicht nur die Story, auch die filmische Umsetzung ist sehr experimentell und für deutsche Verhältnisse auch äußerst mutig. So vermischt Tykwer neben den drei verschiedenen Handlungssträngen auch die unterschiedlichsten Stilmittel und sorgt damit für noch mehr Tempo. Rasante Schnitte verschmelzen mit ungewöhnlichen Kameraeinstellungen zu einem innovativen Kunstwerk. Dabei legt er einen Verschleiß an deutschen Topmimen an den Tag, die einem Tarantino alle Ehre machen würde. Joachim Król darf als versoffener Penner nur ein paar Worte zum Besten geben, während Heino Ferch ganz ohne Text auskommt. Doch beide sind wichtige Figuren, die ihren Beitrag zum Fluss beitragen. Bei den beiden Stars Franka Potente und Moritz Bleibtreu liegt der Fall natürlich etwas anders. Vor allem Potente legt in ihrer Rolle eine mehr als ordentliche Leistung hin, die nicht nur ihr selbst den Atem raubt. So soll deutsches Kino aussehen; wir wollen mehr davon!

Die Thematik des Films die wahre Glanzleistung. Tykwer experimentiert mit der Wahrscheinlichkeit und dem Zufall. Er erzählt seine kleine Geschichte drei Mal. Jedes Mal verändert sich das Ganze durch eine Kleinigkeit, die Lola im Treppenhaus widerfährt. Dort hat sie es nämlich mit einem bösen Hund und dessen Herrchen zu tun. Einmal schreckt sie vor dem Tier zurück, einmal stellt ihr das widerwärtige Herrchen ein Bein und einmal hüpft sie elegant über das ekelerregende Duo hinweg. Was dies für Konsequenzen hat, zeigt sich später. Durch ihre zeitversetzte Ankunft knallt sie einmal in eine Frau mit Kinderwagen rein, ein andermal kann sie diese noch gerade so umschiffen. Jedes mal dreht sich diese Dame um und lästert hinter Lola her. Doch die Art des Lästerns (je nachdem, was passiert) verändert ihr ganzes Leben, das von Tykwer auch prompt erzählt wird. Er friert das Bild ein, um darauf in schnell hintereinander geschnittenen Fotofolgen den weiteren Lebenslauf zu umschreiben. Das eine Mal wird der Dame das Kind weggenommen, das nächste Mal gewinnt sie im Lotto. Dieses Stilmittel wendet Tykwer auf die verschiedensten Figuren an. Es fasziniert immer aufs Neue, den Rest des Lebens dieser Menschen verfolgen zu können.

Schon im Prolog und der Eingangssequenz wird klar, dass Dynamik das Charakteristikum und Tykwers intensive, eigenständige Bildsprache der Ausgangspunkt von "Lola rennt" ist. Virtuos und rasant spielt er in seinem romantisch-philosophischen "ActionLiebesExperimentalThriller" mit der Bandbreite der technischen Möglichkeiten: Farbe, Schwarzweiß, Zeitlupe, Zeitraffer, digitale Effekte. Die Welt von Manni und Lola wird in 35-mm-Material festgehalten, der Rest in Videobildern und Mini-Schnappschussgeschichten. Dazwischen sind Zeichentricksequenzen zu sehen. Und die Kamera fing beim Dreh ihre Bilder auch mal von Dreirädern und Schubkarren aus ein. Dabei wirkt der Film in seinem visuellen Konzept nicht bemüht, sondern jongliert völlig unangestrengt mit diesen vielfältigen Möglichkeiten.

Kritik:

Kritik!? Endlich mal wieder ein frischer deutscher Film, der nicht dem Komödienast entsprungen ist. Schnelle Schnitte, grelle Bilder und eine rennende Lola zwischen Trick und Realszenen bringen eine ganz neue Art von Bilderzauber auf die Leinwand. Bildhaft wird sogar das zukünftige intime Leben der Passanten gezeigt, an denen Lola vorbei rennt, sehr zur Erheiterung des Publikums. Zuviel kann man nicht von diesem Film sagen, denn sonst würde man doch glatt zuviel von der witzigen Idee des Filmes verraten.

"Lola rennt" ist aber ganz großes Kino. Ein wunderbarer, höchst innovativer Film, der auf vielen Ebenen funktioniert - auch als Entertainment- und dazu noch wie ein wirklicher Kinofilm aussieht. Einer der besten Filme Deutschlands, seit Jahren...

Ich mag ihn und wünsche gute Projektion.

 

Dieser Vortrag von unserem Referenten Sven Schütte und die anschließende Diskussion war Teil der 'Lola Rennt' Vorführung des Kinovereins Löhne am 9.12.1999.